Stanicic stellte zunächst den Inhalt von Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" dar. Auch, wenn viele Aussagen Sarrazins in den letzten Monaten durch die Presse gingen, ist der SPD-Politiker und Ex-Bundesbankvorstand, der als ehemaliger Berliner Finanzsenator im rot-roten Senat für massiven Sozialabbau und Verarmung in der Stadt direkt verantwortlich ist, immer wieder für Äußerungen gut, die so unglaublich haarsträubend sind, dass man sie kaum für ernst gemeint halten kann. Zum Beispiel, wenn er schreibt: "Ich möchte aber, dass meine Nachfahren in einem Deutschland leben, in dem die Menschen sich als Deutsche fühlen. Ich finde das - mit Verlaub - wichtiger als die Frage, ob der Wasserspiegel der Nordsee in den nächsten 100 Jahren um 10 oder 20 Zentimeter steigt." Oder wenn er über seine frei erfundenen "Statistiken" spricht, auf die er seine Aussagen stützt, Muslime oder Erwerbslose seien dümmer, fauler und gewalttätiger als "gebildete Deutsche": "Wenn man aber keine Zahl hat, muss man eine schöpfen, die in die richtige Richtung weist, und wenn sie keiner widerlegen kann, dann setze ich mich mit meiner Schätzung durch."Stanicic, oppositionelles Mitglied der Partei DIE LINKE und SAV-Bundessprecher, sprach auch über den Verlauf der Sarrazin-Debatte. Sarrazin stellt sich als jemand dar, der endlich mal das ausspreche, was sich sonst keiner zu sagen traue. Und als jemand, der deswegen von der Öffentlichkeit zerrissen werde, sogar als Opfer mangelnder Meinungsfreiheit. Stanicic hielt dem entgegen: "Jemand, dessen Buch in der Bild-Zeitung und im Spiegel vorveröffentlicht wurde, kann sich nicht über mangelnde Meinungsfreiheit beschweren." Betrachtet man demgegenüber, dass die "Anti-Sarrazin"-Veranstaltung nur durch Flugblattverteilungen und Plakatierungen von AktivistInnen beworben werden konnte und nicht in den großen Zeitungen mit Millionenauflage angekündigt wurde, ist die Resonanz auf die Veranstaltung wirklich beachtlich!
Zur Frage des Islam und sagte Stanicic, der in Berlin-Neukölln friedlich und solidarisch mit seinen türkischen, arabischen und deutschen Nachbarn zusammen lebt: "Wir als Linke würden natürlich nicht für einen Moscheebau argumentieren, der vielleicht sogar den Einfluss konservativer Religionsführer auf die muslimischen Menschen im Stadtteil stärkt. Wir sind aber dafür, dass gläubige Muslime dasselbe Recht wie alle anderen Menschen haben, Gebäude zu bauen und lehnen jede religiöse Spaltung der arbeitenden und erwerbslosen Menschen ab." Zur "Kopftuchdebatte" sagte er, Aufgabe von Linken sei es, jede Frau, die kein Kopftuch tragen will, zu unterstützen, aber auch jeder Frau, die sich - wie tausende Muslima - freiwillig für das Kopftuch entscheidet, dass vollständige Selbstbestimmungsrecht zu gewährleisten. Schließlich müssten gegen Sozialabbau, Lohnverluste und Armut alle betroffenen Menschen, ob Muslime, Christen oder Atheisten, zusammen kämpfen. Stanicic wies auf die arabische Revolution hin, wo Christen und Muslime gemeinsam den Tahrirplatz in Kairo gegen die Angriffe der Mubarak-Anhänder verteidigten. "Im gemeinsamen Kampf werden die Gemeinsamkeiten deutlich und Spaltung überwunden."
Der Aussage von Sarrazin und anderen Rassisten, MigrantInnen würden in Deutschland "Parallelgesellschaften" bilden, hielt Stanicic entgegen: "In meinem Stadtteil stehe ich mit Menschen verschiedenster Herkunft im Supermarkt an der Kasse, an der Arbeit müssen alle unabhängig von Nationalität und Religion gleich funktionieren und wir schauen abends die gleichen Fernsehsendungen." Er zitierte einen Artikel aus der aktuellen Ausgabe der SAV-Zeitung "Solidarität", in dem Jürgen Großmann, Chef des Energiekonzerns RWE, porträtiert wird: "Großmann hat ein Vermögen von 1,4 Milliarden Euro, er hat ein eigenes Weingut, ein Dutzend Oldtimer, ein Haus am Tegernsee mit eigenem Jagdrevier. Für Großmanns Jahreseinkommen müssten Normalverdiener 300 Jahre lang arbeiten. Die wahre Parallelgesellschaft bilden die Superreichen, die Chefs der Banken und Konzerne und ihre Politiker!"
Der Schlüssel für den Kampf gegen Rassismus liegt im gemeinsamen Kampf gegen die Auswirkungen des Kapitalismus auf unsere Lebensbedingungen. Darum rief Sascha Stanicic nach lebendigen Debatten, an denen sich viele junge BesucherInnen beteiligten, dazu auf, den geplanten Nazi-Aufmarsch am 4. September in Dortmund gemeinsam mit zigtausend AntifaschistInnen zu blockieren.

